Hawelka

Foto: Hawelka © Weninger

Wo Geschichte lebendig bleibt

Das Café Hawelka ist kein Museum, auch wenn es fast so aussieht. Die Thonet-Sessel sind Ikonen, die Samtvorhänge schwer, die Luft riecht nach Kaffee und Geschichten. Während zwei Straßen weiter die City auf Hochglanz getrimmt wird, setzt man hier auf das Gegenteil: auf Zeit, auf Patina, auf Echtheit. Und genau deshalb kommen sie noch immer – die Nachtschwärmer und Nachtschwärmerinnen, die Nostalgiker und Nostalgikerinnen, die Neugierigen und die Touristen und Touristinnen sowieso.

Foto: Hawelka © Roth

Das Hawelka ist das Ergebnis einer bedingungslosen Hingabe. Die Geschichte beginnt mit Josefine Danzberger, einer Fleischhauerstochter aus Kremsmünster, die mit 16 Jahren nach Wien kam. Im Gasthaus Deierl traf sie auf den Kellner Leopold Hawelka. Es war Liebe auf den ersten Blick. Einen Tag nach ihrer Hochzeit 1936 übernahmen sie das Café Alt Wien in der Bäckerstraße. Doch schon im Mai 1939 wagten die Hawelkas den nächsten Schritt: Sie kauften das heruntergekommene Café Karl in der Dorotheergasse 6 und gaben ihm ihren Namen. Was sie damals nicht wussten: Sie erwarben damit ein Stück Wiener Architekturgeschichte. Die Räumlichkeiten waren 1913 als „Chatham-Bar" eröffnet worden – Wiens erste „American Bar" mit Livemusik und chambre separée.

Foto: Hawelka © Roth

Die Anfangsjahre waren hart. Das Geld war so knapp, dass das Kaffeehaus zum gesamten Lebensmittelpunkt wurde. Der Kaffee wurde auf einem Holzofen zubereitet, und als der kalte Winter kam, musste Herr Hawelka selbst einen Handkarren nehmen und im Wienerwald Feuerholz sammeln, während Frau Hawelka sich um die Gäste kümmerte.

Die warme Atmosphäre zog aber bald Schriftsteller und Schriftstellerinnen und Intellektuelle wie Friedrich Torberg, Heimito von Doderer, Hilde Spiel und Hans Weigel an. Auch Helmut Qualtinger und André Heller wurden Stammgäste. Während eine Wand mit Plakaten für kulturelle Veranstaltungen bedeckt wurde – eine Innovation von Herrn Hawelka –, wuchs an den anderen Wänden seine Sammlung von Bildern talentierter Gäste wie Friedensreich Hundertwasser, Ernst Fuchs oder Rudolf Hausner, die er stets zum Marktpreis erwarb. Sogar Weltstars wie Elias Canetti, Henry Miller, Arthur Miller und Andy Warhol versäumten bei ihren Wien-Besuchen nie einen Abstecher ins Hawelka.

Foto: Hawelka © Roth

1975 katapultierte Georg Danzer das Café Hawelka schließlich in den Pop-Olymp. Die Frage „Jö schau, was macht a Nackerter im Hawelka?" war für die Gründer anfangs ein Schock. Das Lied wurde zur unbezahlbaren Werbung. Inspiriert durch den Hit spazierten vereinzelt tatsächlich nackte Gäste herein, während das gesamte Lokal den Refrain angestimmt haben soll.

Heute wird das Café von den Enkeln der Gründer, Amir und Michael, geführt. Wir haben mit Amir Hawelka über das Erbe dieser Institution geplaudert.

Foto: Hawelka © Roth

Sehen Sie das Hawelka auch selbst als ein echtes Wiener Original?

Ja, wir sind ein absolutes Original. Wir haben die Ehre, dieses Haus weiterzuführen, und sind sehr froh, dass wir das so tun können. Als Teil der dritten Generation fühle ich mich dem Café zutiefst verbunden. Ich möchte nichts verändern und ich würde es ehrlich gesagt auch gar nicht dürfen, denn meine Großmutter hat mir jegliche Änderungen streng verboten.

Ich liebe unsere Einrichtung, besonders die Thonet-Stühle. Die elegante Inneneinrichtung, von der Teile bis heute erhalten sind, stammt von Rudolf Schindler, einem Schüler von Otto Wagner und Adolf Loos, der später im Studio von Frank Lloyd Wright in den USA gearbeitet hat. Die getäfelte Decke im hinteren Teil des Kaffeehauses hat mein Großvater übrigens erst in den Sechzigerjahren zufällig wiederentdeckt und freilegen lassen. Mein Beitrag heute ist, dass ich Dinge wieder anschraube oder repariere, aber ansonsten ändere ich nichts. Nur eines hat sich wirklich verbessert: Der Kaffee ist heute besser.

Liegt das an der eigenen Rösterei?

Ja, wir rösten regional und nach traditioneller Wiener Art. Dadurch stellen wir sicher, dass die Kaffeebohnen schonend veredelt werden. Unseren Kaffee gibt es übrigens nicht nur bei uns im Café, sondern auf Wunsch auch für zu Hause. Wir mischen unsere Kaffees nach eigener Rezeptur aus verschiedenen Anbaugebieten der Welt. In der Röstmaschine werden sie dann ohne jegliche Zusatzstoffe verarbeitet. So genießen unsere Kunden und Kundinnen ein reines Naturprodukt ganz nach ihrem Geschmack.

Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an die gemeinsame Arbeitszeit mit Ihren Großeltern?

Das war eine sehr schöne Zeit. Wenn ich aus der Schule kam, bin ich oft direkt ins Café gegangen, um meinen Opa zu besuchen. Damals habe ich schon Kellner gespielt, während meine Oma als Chefin alles im Griff hatte. Es war eine tolle Gelegenheit, sie wirklich kennenzulernen. Die Arbeit ging oft bis drei Uhr in der Früh. Das war zwar anstrengend, aber gleichzeitig wahnsinnig spannend, weil so viel erzählt wurde. Die Strenge meiner Großeltern hat mich dabei sehr geprägt, das aber im absolut positiven Sinne.

Welcher Moment oder welche Begegnung im Hawelka war für Sie bisher die spannendste?

Im Kaffeehaus herrscht immer ein großes Treiben, da gab es wirklich viele Momente. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir aber der 30. Geburtstag von Falco. Die Feier war ein riesiges Ereignis mit vielen Gästen und einer 30 Kilo schweren Torte. Falco traf sich ja schon früher gerne mit Georg Danzer, Reinhold Fendrich und Wolfgang Ambros bei uns in der „Kleinen Ecke“. An dem besonderen Tag im Februar wurde nicht nur diese gewaltige Topfentorte serviert, wir hatten auch einen Zauberer engagiert.

Er hat mit seinen Showeinlagen für einen unvergesslichen Abend gesorgt und sogar ein Herz-Ass an die Decke gezaubert. Ein Blick nach oben lässt diese Erinnerung bis heute wachwerden: Die Spielkarte klebt nämlich immer noch dort. Wie er das gemacht hat, ist uns bis heute ein Rätsel. Der einzige Unterschied zu damals ist, dass die Karte und die Decke durch das frühere Rauchen im Café mittlerweile nikotinbraun sind.

Der Magier kam kurz darauf nochmal und hat gleich noch eine Karte dazugezaubert. Ich habe bis heute keine Ahnung, wie das funktioniert hat, aber man kann beide Karten heute noch sehen.

Überhaupt durfte ich viele faszinierende Persönlichkeiten kennenlernen, wie zum Beispiel Bundespräsident Fischer oder unseren jetzigen Bundespräsidenten Van der Bellen. Auch heute schauen immer wieder bekannte Gesichter aus Kunst und Kultur auf einen Kaffee vorbei.

Kulinarisch sind die Buchteln ja weltberühmt. Werden sie immer noch nach dem alten Zeitplan serviert?

Ja, das stimmt. Die Buchteln gibt es erst ab 20 Uhr, und sie werden nach wie vor streng nach dem Originalrezept hergestellt. Aber wir haben noch mehr: Unsere Strudel sind ebenfalls sehr gut, und für den herzhaften Hunger bieten wir Würstel, Gulasch, Toast und vieles mehr an.

Wenn man in 30 Jahren über das Hawelka spricht: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir in erster Linie, dass das Café dann immer noch existiert und seine besondere Atmosphäre erhalten geblieben ist. Darüber hinaus hoffe ich für ganz Wien, dass das traditionelle Wiener Kaffeehaus weiterhin einen so hohen Stellenwert in unserer Stadt behält.

Kontakte und Öffnungszeiten

Instagram
Instagram
Facebook
Facebook